39.Kapitel


Es war fast ebenso lange her, wie das Ereignis mit Helene, vielleicht ein Jahr später. Henry besuchte nach seiner letzten Vorlesung noch einen Vortrag eines amerikanischen Psycholo­gen, der bereits seit einigen Wochen angekündigt war. Er wollte sich diesen nicht entgehen lassen, doch bereits nach einer halben Stunde verließ er den Saal, abgeneigt von den Theorien dieses Mannes. Es war zu einer Zeit, in der Henry zunehmend sein Studium in Frage stellte und eine tiefsitzende Unzufriedenheit fühlte. Ihm wurde oft unterstellt, schon allein aus Manie gegen­sätzliche Meinungen zu vertreten und immer wieder neue The­sen aufzustellen, die er zu beweisen versuchte. Wie etwas bewei­sen, was nicht messbar ist, wie etwas greifen, was nicht sichtbar erscheint?

Er schloss leise die Tür des Hörsaals hinter sich. Dann sah er sie, eine junge korpulente Frau mit wiegenden Hüften. Gebannt von dieser Erscheinung blieb er starr auf der Stelle stehen.

Lisel kam aus ganz einfachen Verhältnissen. Sie machte eine Hauswirtschaftslehre und nahm gerade ihre erste Festanstellung an der Universität wahr. Sie wurde zum Reinigen der Flure ein­geteilt, so wie auch an diesem Abend. Der Wischmopp klatschte auf den Boden, und es schien, als ob sie sich daran erfreuen könnte. Sie tänzelte mit geschlossenen Augen um den Stiel, der zu ihrem Tanzpartner wurde. Klatsch! Noch einmal ergoss sich das schäumende Nass auf den Boden. Sie machte ausholende und wuchtige Schritte. Ihr üppiger Busen schaukelte, den Takt begleitend, mal zur einen, dann wieder zur anderen Seite. Ihre Hüften kreisten, ebenso ihr ausladendes Hinterteil. Dann lachte sie, sie lachte und Henry konnte es nicht glauben: Eine Frau tanzte mit einem Wischmopp und lachte aus freien Stücken, ein­ladend, offen und voller Inbrunst.

Ihr Haar war kastanienrot, ihre Haut weiß übersät mit unzähligen Sommersprossen. Er dachte an Erdbeeren, als er sie sah. Dann räusperte er sich, um sich bemerkbar zu machen, denn er wollte nicht als stiller Beobachter ertappt werden. Sie drehte sich flink zu ihm, hielt ihre Hand vor den Mund, die ihr Lachen verbergen sollte, doch es quoll aus allen Fugen hervor. Sie warf den Kopf in den Nacken, legte ihre Hand aufs Dekolleté, gerade so, als ob sie es festhalten wollte und lachte aufs Neue. Diesmal etwas verlegener und vielleicht sogar mit einer gewissen Schüchternheit versehen. Noch immer gebannt, schob er sich zu ihr, nahm ihre Hand und legte seinen Arm um ihre Hüften. Der Wischmopp knallte zu Boden.

„Darf ich bitten?“, nickte er ihr zu.

„Ja, gern“, verkündete sie mit leuchtenden Augen.

„Was hören wir für Musik?“

„Einen Walzer, einen gaaanz langsamen!“ Sie hob ihre Au­genbrauen, um die Bedeutung des Tanzes zu unterstreichen.

Seine Hand rutschte langsam und so, als ob sie es nicht be­merken sollte, auf ihr Hinterteil. Ihre Augen flackerten auf. Er zog sie näher zu sich. Eine Weile schoben sie sich mit verschlos­senen Augen durch den Flur.

„Wie lange müssen sie noch arbeiten?“, fragte er nach gewis­ser Zeit.

„Nur noch dieser Gang“, säuselte sie ihm entgegen.

Er blickte den Flur entlang. Es lagen nur noch ein paar Meter vor ihnen. Er löste sich von der Frau, verbeugte sich vor ihr und schnappte sich den Wischmopp. Er schleuderte ihn über die kal­ten Steine. In gebückter Haltung faltete sie die Hände in den Schoß, sich kaum noch vor Lachen haltend.

Zu weit vorgerückter Nacht lagen sie in seinem Bett des Stu­dentenwohnheimes. Sie konnten nicht aufhören, sich zu lieben.